Eine meiner lustigsten Urlaubserinnerungen ist die Anekdote, wie ich als Jugendliche mit meinen Eltern und einer Freundin in den österreichischen Alpen waren. An einem nebligen Tag unternahmen wir eine Bergtour, bei der meine Eltern bereits vorausgingen, während I. und noch ein bisschen länger auf der Almhütte blieben, wo uns eine alte Frau „Jagatee“ servierte. Als wir uns schließlich in bester Laune im Nebel an den Abstieg machten, durchquerten wir eine Kuhwiese und ich schwöre heute noch Stein und Bein, dass I. in eine Kuh rannte: das muss man schließlich erstmal fertig bringen, in eine Kuh zu laufen, Nebel hin oder her! Das Problem ist nur: Sie erzählt die Geschichte bis heute genau andersrum…

Das Gehirn lügt

„Scientists have discovered that the memories we use to form our own life stories are boldly fictionalized“, führt Jonathan Gottschall in „The Storytelling Animal: How Stories Make Us Human“ (Kindle Edition, Houghton Mifflin Harcourt, pos. 318) an. Das geht bis zu falschen Erinnerungen, die Wissenschaftler erzeugen können, wie eine Begegnung mit Bugs Bunny (Warner Bros.) in Disneyland oder eine aufregende Ballonfahrt (vgl. Spiegel Online). Oder auch die Umarmung einer Kuh, an die sich I. partout nicht erinnern will… Die Forscher jedenfalls „implantierten“ diese falschen Erinnerungen durch die Aufnahme von erfundenen Geschichten in eine Reihe von wahren persönlichen Ereignissen oder auch über (gefälschte) Fotos, die die Versuchspersonen in ihrer Kindheit zeigten. Das Gehirn ist dann nicht in der Lage, wahre von erfundenen Anekdoten zu unterscheiden:

„Frequently, our only truth is narrative truth, the stories we tell each other, and ourselves—the stories we continually recategorize and refine. Such subjectivity is built into the very nature of memory, and follows from its basis and mechanisms in the human brain.“ (Oliver Sacks, NY Review of Books, via brainpickings.org)

Emotionen und Kollaboration

Das Gedächtnis erinnert sich an die Gefühle in Situationen: „Sie sind es, die filtern, was im Langzeitspeicher landet und was gelöscht wird. „Gefühle“, sagt Markowitsch, „sind die Wächter unserer Erinnerung.“ (Spiegel Online) Wer auch immer von uns beiden die Kuh im Nebel umarmt hat: ich muss heute noch lachen, wenn ich mich an diese Bergtour erinnere. Emotionen spielen auch für Erzählungen und das Experience Design eine wichtige Rolle:

„1) Experiences are made more prominent (and more difficult to forget) when they’re formed during a surge of adrenaline.

2) Memories aren’t static. The act of recalling actually re-writes a new copy of that memory in place of the old one – like a photocopy of a photocopy of a long lost original document.“ Sarah Thacher, Memory and Storytelling

Thacher zieht daraus interessante Folgen fürs Storytelling: wenn wir uns Geschichten aneignen, indem wir sie mit eigenen Emotionen belegen und praktisch in unserer Erinnerung neu erfinden, dann müssen Storyteller das mit einplanen. Geschichten entstehen zu einem großen Teil erst durch Kollaboration und: sie gehören nicht mehr den Autoren, sobald sie publik sind.

 

 

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