Seite auswählen

Lesen ist meine Hauptbeschäftigung und zwar schon sehr sehr lange, eigentlich seit ich mich erinnern kann. In den letzten Jahren hat sich mein Leseverhalten wie das vieler anderer aber stark verändert. Eine Veränderung, die von einigen Medien als Verschlechterung dargestellt wird. Solche Unkenrufe à la „Untergang des Abendlandes“, Kulturverfall und was weiß ich nicht alles, die gerne auch im Zusammenhang mit der Digitalisierung ausgestoßen werden, wie:

  • Blogs, die „Klowände des Internets“

oder auch:

  • „jeder Müll wird da abgeladen, bis es verstopft ist“, als ob das Netz ein erschöpflicher Raum wäre, ein Bild, das eher mit unserer fehlenden Vorstellungskraft von abstrakten Räumen zu tun hat

fordern Widerspruch geradezu heraus. Mir fehlt leider gerade die Zeit, um daraus schon einen fertigen und runden Artikel zu zimmern, doch da ich aktuell über einige Studien, Artikel und Bücher gestolpert bin, in denen es ums Lesen und was es mit uns macht geht, poste ich erstmal, warum Lesen eigentlich so toll ist. Und zwar, das Lesen von Belletristik und Fiktion, das im Gegensatz zu Sachbüchern nämlich besonders auf uns wirkt – und hier nähert man sich dann vielleicht auch mal der Frage an, wieso wir als Menschen überhaupt so versessen auf Geschichten sind.

Direkt aus dem Notizbuch, frei zur Diskussion: Geschichten für den Weltfrieden 😉

Storytelling Animal (von Jonathan Gottschall)

„According to evolutionary thinkers such as Brian Boyd, Steven Pinker, and Michelle Scalise Sugiyama, story is where people go to practice the key skills of human social life.“ Gottschall, pos. 794

Wenn das wirklich stimmt, was z.B. auch Pinker in seinem „How the Mind Works“ vorschlägt, dann müssten Menschen, die viel lesen (oder viele Filme und Serien sehen) bessere soziale Fähigkeiten haben als Leute, die das nicht tun vgl. Gottschall, pos. 895

„Fiction allows our brains to practice reacting to the kinds of challenges that are, and always were, most crucial to our success as a species.“ Gottschall, pos. 913

Das Buch: Jonathan Gottschall: Storytelling Animal. How Stories Make Us Human. 2012. Da als E-Book gelesen nur „Positionsangaben“ anstelle von Seitenzahlen. (Letztes Jahr hat Gottschall übrigens auf der StoryDrive in Frankfurt seine Thesen vorgestellt, ich bin gespannt, wer dieses Jahr alles da ist)

Toleranz von Grautönen und Empathie

“The thinking a person engages in while reading fiction does not necessarily lead him or her to a decision,” they note. This, they observe, decreases the reader’s need to come to a definitive conclusion.

“while reading, the reader can stimulate the thinking styles even of people he or she might personally dislike. One can think along and even feel along with Humbert Humbert in Lolita, no matter how offensive one finds this character. This double release—of thinking through events without concerns for urgency and permanence, and thinking in ways that are different than one’s own—may produce effects of opening the mind.” (salon.com)

 Theory of Mind und das Gedankenlesen durch Fiktion

Eine neue Studie belegt diese Thesen und geht noch einen kleinen Schritt weiter:
Emanuele Castano und David Comer Kidd, Professor und Doktorand an der New School for Social Research, glauben, dass das Lesen von „literarischer Fiktion“ die Fähigkeit verbessere, sich in die Köpfe anderer einzufühlen bzw. den „Theory of Mind“-Quotienten (wenn es denn sowas gibt) zu verbessern. 
Theory of Mind (ToM), auch native Theorie oder Mentalisierung, bezeichnet in der Psychologie und den anderen Kognitionswissenschaften die Fähigkeit, eine Annahme über Bewusstseinsvorgänge in anderen Personen vorzunehmen und diese in der eigenen Person zu erkennen, also Gefühle, Bedürfnisse, Ideen, Absichten, Erwartungen und Meinungen zu vermuten.[1]  (Wikipedia)
Ihre Studie brachte folgende Ergebnisse:

Across the five experiments, Kidd and Castano found that participants who were assigned to read literary fiction performed significantly better on the ToM tests than did participants assigned to the other experimental groups, who did not differ from one another.

Interessanterweise hatte nur die „literarische Fiktion“ diesen Effekt. Unterhaltungsliteratur und Sachbücher verbesserten die ToM-Ergebnisse der Teilnehmer nicht:
The study shows that not just any fiction is effective in fostering ToM, rather the literary quality of the fiction is the determining factor. The literary texts used in the experiments had vastly different content and subject matter, but all produced similarly high ToM results.
Die beiden Forscher zogen folgende Schlüsse aus ihren Untersuchungen:

Kidd and Castano suggest that the reason for literary fiction’s impact on ToM is a direct result of the ways in which it involves the reader. Unlike popular fiction, literary fiction requires intellectual engagement and creative thought from its readers. “Features of the modern literary novel set it apart from most bestselling thrillers or romances. Through the use of […] stylistic devices, literary fiction defamiliarizes its readers,” Kidd and Castano write. “Just as in real life, the worlds of literary fiction are replete with complicated individuals whose inner lives are rarely easily discerned but warrant exploration.” (Quelle)

 

 

Bild: Three men sitting on a desk, smoking pipes, and reading newspapers. Fotograf: John Henry Harvey, ca. 1890-ca. 1910. State Library of Victoria, Australien. (Link)

Pin It on Pinterest

Share This